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Der Steiger kommt nicht mehr

03.01.2019 09:18 Alter: 51 Tag(e)



Unter dem Motto „Danke Kumpel“ nahmen auch die Ahlener Abschied vom
Steinkohlebergbau. Ein wehmütiger Augenblick. Von Reinhard Baldauf

Überaus beeindruckend war er, der mehrere hundert Meter lange Fackelzug
vom Glückaufplatz zur Zeche „Westfalen“ am Freitagabend. Einen Tag, nach-
dem Bundespräsident Frank Walter Steinmeier das letzte in der Bundesrepublik
geförderte Stück Steinkohle in Bottrop erhalten hatte, sagten in Ahlen rund
300 Menschen „Danke Kumpel“. In einer sehr emotionalen Rede erinnerte der
Vorsitzende der Ahlener IG BCE, Marc Senne, an die Höhen und Tiefen des
deutschen Steinkohlebergbaus.

Unterstützt wurde die Kundgebung im Herzen der Kolonie von den Knappen-
vereinen aus Heessen und Herringen in Bergmannsuniformen. Der Glückaufplatz
füllte sich langsam. Da der Regen aber kurz vor 19 Uhr endete, kamen doch noch
viele Menschen, die sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen wollten.

Mit „Glückauf“ begrüßten sich die meisten Teilnehmer und den Bergleuten unter
ihnen war die Wehmut ins Gesicht geschrieben.

Mit Kritik an der Politik und so manchen Politikern sparte Marc Senne nicht – allerdings
ohne Namen zu nennen. „Statt Bauer sucht Frau zu schauen“, wetterte er, sollten die
sich lieber mit der Realität beschäftigen. Vor Fehmarn gebe es eine Offshore-Windan-
lage, die gar nicht am Netz sei. Sie werde von außen mit Strom versorgt, damit die
Rotoren sich drehen, um nicht kaputt zu gehen: „Da stehen mir die Nackenhaare zu
Berge“, so Senne, der dafür Applaus bekam. Die Politik habe nicht alle Möglichkeiten
genutzt, die die Vereinbarung über den Ausstieg bei der Steinkohle damals geboten
habe, ärgerte er sich.

„Der Strukturwandel in Ahlen ist geschafft, aber nicht in einem Punkt“, hielt der Ahlener
IG BCE-Vorsitzende weiter fest. Er verwies auf die prekären Beschäftigungsverhältnisse
und nannte als ein Beispiel Friseurgeschäfte. Im Anschluss sprach Bürgermeister Dr.
Alexander Berger. Auch er ging zunächst auf den Strukturwandel ein. Man gedenke des
Auf- und Abstiegs des Bergbaus sowie seines endgültigen Endes. Dies sei für viele
Generationen undenkbar gewesen.

Die Steinkohle habe den Menschen nicht nur Licht, Wärme und Energie geliefert, sondern
auch „Brot zum Leben“. Dr. Berger weiter: „Sprichwörtlich, ja geradezu legendär ist der
Zusammenhalt der Kumpel unter Tage und der Nachbarschaften in der Kolonie.“ Der Berg-
bau habe einen ganz besonderen Schlag Menschen hervorgebracht. Nach den Worten
des Bürgermeisters sichere der Bergbau auch heute noch Beschäftigung. Die Anzahl der
versicherungspflichtigen Arbeitsplätze sei in Ahlen wieder so hoch wie vor der Schließung
der Zeche.

Der Bürgermeister bedankte sich bei allen Einrichtungen und Vereinen, die sich ehren-
amtlich um das Gedenken an den Bergbau in Ahlen kümmern. Ganz intensiv ist dies im
Augenblick der „Jupp-Foto-Club“, dessen Vorsitzender ebenfalls Marc Senne ist. Er freute
sich mit Werner Danzer und Walter König, dass auch die dritte Auflage des Foto-Kalenders
2019 ausverkauft ist.

Vom Glückaufplatz ging es weiter zur Zeche. Vor der Lohnhalle warteten bereits viele
Besucher von „Rock am Schacht“ auf den Fackelzug. Dann wurde unterstützt vom
Blasorchester Vorhelm gemeinsam und inbrünstig das Steigerlied gesungen.

Quelle: Ahlener Zeitung   Fotos:Werner Fechner-Dildrop Ahlener Tageblatt





                                        





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